Ich geh zur dir auf einem Seil...
(Josef Guggenmoos)
Ich geh zu dir auf einem Seil,
es ist links kein Weg,
es ist rechts kein Heil.
Es ist nichts als dieser schmale Steg.
So einfach ist alles geworden.
Verwandlung
(Fritz Usinger)
Weisst du den höchsten Zauber,
den du im Verborgenen geübt hast,
mir verwandelnd das Herz,
Auge
und prüfenden Sinn?
Jahre gossest du um
in eines Augenblicks Fülle:
Trete ich ein bei dir,
ist's, als geschah es noch nie.
Und es schlägt das Herz
so wie mit Flügeln,
weil das vergang'ne Glück
mich ins zukünftige trägt.
Zehn Jahre
(Claire Goll)
Zehn Jahre schon,dass du mich liebst
zehn Jahre, zehn Minuten gleich
Und immer sah ich dich zum ersten Mal:
Die Taschen voller Rosen
Künftige Tränen hinter der Brille
Wie Diamanten in Vitrinen
In deiner Brust eine Lerche
und unter den schüchternen Handschuhn
die Zärtlichkeiten der Zukunft.
Zehn Jahre schon, dass du mich liebst
dass auf allen Uhren
die Zeit auf immer stillstand.
Für Eine(n)
(Mascha Kaléko)
Die Andern
sind das weite Meer.
Du aber
bist der Hafen.
So glaube mir:
kannst ruhig schlafen.
Ich steure immer wieder her.
Denn all die Stürme
die mich trafen,
sie ließen meine Segel leer.
Die Andren
sind das bunte Meer,
du aber bist der Hafen.
Du bist der Leuchtturm.
Letztes Ziel.
Kannst, Liebste(r),
ruhig schlafen.
Die Andern...
das ist Wellenspiel.
Du aber bist der Hafen.
Du bist ich
(Freydoun Farokhzad)Wenn ich Glut meine,
meine ich mich,
wenn ich Feuer meine,
meine ich dich.
Wenn ich Wasser meine,
meine ich mich,
wenn ich Flut meine,
meine ich dich.
Wenn ich Liebe meine,
meine ich dich,
wenn ich dich meine
meine ich mich.
Zärtliches Gespräch
(Albert Ehrismann)Du kannst nicht schlafen?
Sieh die Nacht schläft auch.
Wie spät es sei,
und ob ich dich noch liebe?
Ich liebe dich.
Es ist ein alter Brauch.
Und lebte ich,
wenn ich nicht bei dir bliebe?
Jetzt fiel ein Stern,
siehst du, wie schön er fiel?
Er hing gnz oben
in den schmälsten Rahen.
Wir dürfen wünschen
Wünsche bitte viel!
Es war ein Glück,
dass wir ihn fallen sahen.
Du zitterst? Komm!
Du bist so still und jung.
Es ist nicht leicht,
das nötige zu sagen.
Ich liebe dich.
Sonst nichts.
Der Mensch ist stumm.
Man muss die Stummheit
ohne Trauer tragen.
Grenze
(Sinaida Hippius 1869 - 1945)Das Herz ist erfüllt
vom Glück des Begehrens
vom Glück des Möglichen
und des Gewährens -
doch da beginnt es schon ängstlich zu beben:
Es könnt ja eine Erfüllung geben...
Wir wollen nicht voll das Leben empfangen,
die Schwere des Glücks,
sie lässt uns nur bangen.
Töne? Ja schon -
Harmonien jedoch schrecken.
Wie gerne wir uns
Grenzen entgegenstrecken
wir lieben sie ewig
in ewigem Leiden
und sterben
ohne sie je zu erreichen...
O.T.
In den alten Büchern
sind die Liebenden vor Liebe
oft wahnsinnig geworden.
Ihr Haar wurde grau
ihr Kopf leer
ihre Haut fahl
vor Liebe,
lese ich.
Aber nie ist jemand
wahnsinnig geworden
aus Mangel an Liebe
die er nie empfand.
Auch das steht
in den alten Büchern.
So hätte denn der Mangel
einmal sein Gutes?
WIR
(Anne Sexton 1929-1974)Ich war in schwarzen Pelz
und weißen Pelz gehüllt und
du zogst mich aus und dann
stelltest du mich in Goldlicht
und dann kröntest du mich,
während Schnee vor der Tür in
diagonalen Pfeilen fiel.
Während zwanzig Zentimenter Schnee
herunterkamen wie Sterne
in kleinen Kalkstücken,
waren wir in unseren Körpern
(diesem Raum, der uns begraben wird)
und du warst in meinem Körper
(diesem Raum, der uns überdauern wird)
und zuerst rieb ich deine
Füße mit einem Handtuch trocken,
denn ich war deine Sklavin
und dann nanntest du mich Prinzessin.
Prinzessin!
Oh, dann
stand ich auf in meiner Goldhaut
und warf die Psalmen nieder
und ich warf die Kleider nieder
und du nahmst das Zaumzeug ab
und du nahmst die Zügel ab
und ich tat die Knöpfe ab,
die Knochen, die Verwirrungen,
die Neuengland-Postkarten,
die Nacht, die Uhr im Januar,
und wir gingen auf wie Weizen.
Hektar um Hektar von Gold,
und wir ernteten,
wir ernteten.
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