Vielleicht....?

Meine großen Worte werden mich nicht vor dem Tod schützen

und meine kleinen Worte werden mich nicht vor dem Tod schützen
überhaupt kein Wort
und auch nicht das Schweigen zwischen den großen und kleinen Worten
wird mich vor dem Tod schützen.

Aber vielleicht - werden einige dieser Worte
und vielleicht - besonders die kleineren
oder auch das Schweigen zwischen den Worten
einige vor dem Tod schützen wenn ich tot bin?
(Erich Fried)

Fundstücke - Khalil Gibran


Vom Geben


Ihr gebt nur wenig, wenn ihr von eurem Besitz gebt. Erst wenn ihr von euch selber gebt, gebt ihr wahrhaft.

Denn was ist euer Besitz anderes als etwas, das ihr bewahrt und bewacht aus Angst, daß ihr es morgen brauchen könntet? Und morgen, was wird das Morgen dem übervorsichtigen Hund bringen, der Knochen im spurlosen Sand vergräbt, wenn er den Pilgern zur heiligen Stadt folgt?

Und was ist die Angst vor der Not anderes als Not? Ist nicht Angst vor Durst, wenn der Brunnen voll ist, der Durst, der unlöschbar ist?

Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie haben, wenig geben - und sie geben um der Anerkennung willen, und ihr verborgener Wunsch verdirbt ihre Gaben.

Und es gibt jene, die wenig haben und alles geben. Das sind die, die an das Leben und die Fülle des Lebens glauben, und ihr Beutel ist nie leer.

Es gibt jene, die mit Freude geben, und die Freude ist ihr Lohn.

Es gibt jene, die mit Schmerzen geben, und der Schmerz ist ihr Taufe.

Und es gibt jene, die geben und keinen Schmerz beim Geben kennen; weder suchen sie Freude dabei, noch geben sie um der Tugend willen; Sie geben, wie im Tal dort drüben die Myrte ihren Duft verströmt. Durch ihr Hände spricht das Gute, und aus ihren Augen lächelt es auf die Erde.

Es ist gut zu geben, wenn man gebeten wird, aber besser ist es, wenn man ungebeten gibt, aus Verständnis;

Und für den Freigebigen ist die Suche nach einem, der empfangen soll, eine größere Freude als das Geben.

Und gibt es etwas, das ihr zurückhalten werdet?

Alles, was ihr habt, wird eines Tages gegeben werden; daher gebt jetzt, daß die Zeit des Gebens eure ist und nicht die eurer Erben.

Ihr sagt oft: "Ich würde geben, aber nur dem, der es verdient:" Die Bäume in eurem Obstgarten reden nicht so, und auch nicht die Herden auf euren Weiden.

Sie geben, damit sie leben dürfen, denn zurückhalten heißt zugrunde gehen. Sicher ist der, der würdig ist, seine Tage und Nächte zu erhalten, auch alles andere von euch würdig.

Und der, der verdient hat, vom Meer des Lebens zu trinken, verdient auch, seinen Becher aus eurem Bach zu füllen.

Und welcher Verdienst wäre größer als der Mut und das Vertrauen, ja auch die Nächstenliebe, die im Empfangen liegt?

Und wer seid ihr, daß die Menschen sich die Brust zerreißen und ihren Stolz entschleiern sollten, damit ihr ihren Wert nackt und ihren Stolz entblößt seht? Seht erst zu, daß ihr selber verdient, ein Gebender und ein Werkzeug des Gebens zu sein.

Denn in Wahrheit ist es das Leben, das dem Leben gibt - während ihr, die ihr euch als Gebende fühlt, nichts anderes sei als Zeugen.

Und ihr, die ihr empfangt - und ihr seid alle Empfangende - bürdet euch nicht die Last der Dankbarkeit auf, damit ihr nicht euch und dem Gebenden ein Joch auferlegt.

Steigt lieber zusammen mit dem Gebenden auf seinen Gaben empor wie auf Flügeln;

Denn seid ihr euch eurer Schuld zu sehr bewußt, heißt das,
die Freigebigkeit desjenigen zu bezweifeln, der die großherzige Erde zur Mutter und Gott zum Vater hat.

Von der Vernunft und der Leidenschaft


Eure Seele ist oft ein Schlachtfeld, auf dem Eure Vernunft und euer Verstand Krieg gegen Eure Leidenschaft und eure Gelüste führen.

Könnte ich der Friedensstifter in Eurer Seele sein und den Missklang und die Zwietracht eurer Wesen in Einklang und Harmonie verwandeln!

Aber wie kann ich das sein, wenn ihr nicht selber auch Friedensstifter seid, nein, mehr noch, euer ganzes Wesen liebt?

Eure Vernunft und Eure Leidenschaft sind das Ruder und die Segel eurer seefahrenden Seele. Wenn eure Segel oder Ruder brechen, könnt Ihr nur noch schlingern und treiben oder auf hoher See festgehalten werden.

Denn Vernunft ist, wenn allein sie waltet, eine einengende Kraft; und unbewacht ist die Leidenschaft eine Flamme, die bis zur Selbstzerstörung brennt.

Daher lasst die Seele eure Vernunft auf den Gipfel der Leidenschaft heben, damit sie singt!

Und lasst sie Eure Leidenschaft mit Vernunft lenken, damit eure Leidenschaft ihre tägliche Auferstehung erlebt und sich wie der Phönix aus der Asche erhebt.

Ich wollte, Ihr betrachtet Euren Verstand und Eure Gelüste wie zwei geliebte Gäste in eurem Haus. Sicher würdet Ihr einen Gast nicht mehr ehren als den anderen? Denn wer den einen mehr beachtet, verliert die Liebe und das Vertrauen beider.

Wenn ihr zwischen den Hügeln im kühlen Schatten der weissen Pappeln sitzt und am Frieden und der Heiterkeit der Felder und Wiesen teilhabt - dann lasst euer Herz schweigend sagen:"Gott ruht in der Vernunft."

Und wenn der Sturm kommt und der mächtige Wind den Wald erschüttert und Donner und Blitz die Erhabenheit des Himmels verkünden - dann lasst Euer Herz in Ehrfurcht sagen: "Gott bewegt sich in der Leidenschaft."

Und da ihr ein Atemzug in Gottes Sphäre seid und ein Blatt in Gottes Wald, sollt auch ihr in der Vernunft ruhen und in der Leidenschaft euch regen.

Khalil Gibran



Die Zauberin


Die Frau, die mein Herz geliebt hat, saß gestern noch in diesem einsamen Gemach, ruhte sich auf diesem samtenen Diwan aus und nippte kostbaren alten Wein aus diesen kristallenen Kelchen.

Dies ist mein Traum von gestern; denn die Frau, die mein Herz geliebt hat, ist nach einem fernen Ort aufgebrochen, nach dem Land des Vergessens und der Leere. Der Abdruck ihrer Finger haftet noch an meinem Spiegel, den Duft ihres Atems verspüre ich in den Falten meines Gewandes, und den Widerhall ihrer lieblichen Stimme kann man in diesem Raume noch wahrnehmen. Doch die Frau, die mein Herz geliebt hat, ist zu einem weit entfernten Ort aufgebrochen, welcher das Tal der Verbannung und des Vergessens genannt wird.

Neben meinem Bett hängt ein Bildnis dieser Frau. Die Liebesbriefe, die sie mir schrieb, habe ich in einer silbernen Schatulle, die mit Smaragden und Korallen verziert ist, aufbewahrt. All dies wird bei mir bleiben bis morgen, wenn der Wind es in die Vergessenheit treiben wird, dorthin, wo nur stummes Schweigen herrscht.

Die Frau, die ich geliebt habe, gleicht den Frauen, denen ihr euer Herz schenkt. Sie ist von seltener Schönheit, so als wäre sie von Gott gemacht, sanft wie die Taube, klug wie die Schlange, stolz und anmutig wie der Pfau, wild wie der Wolf, lieblich wie der weiße Schwan und furchterregend wie die schwarze Nacht. Sie ist aus einer Handvoll Erde und einem Becher Meeresschaum geschaffen.

Ich habe diese Frau von Kindheit an gekannt. Ich bin ihr auf die Felder gefolgt und ergriff den Saum ihres Gewandes, wenn sie in den Straßen der Stadt wandelt. Ich habe sie seit den Tagen meiner Jugend gekannt, und ich habe den Schatten ihres Gesichts auf den Seiten der Bücher, die ich las, gesehen. Im Murmeln des Baches vernahm ich ihre himmlische Stimme.

Ihr eröffnete ich die Zwiespältigkeit meines Herzens und die Geheimnisse meiner Seele. Die Frau, die mein Herz geliebt hat, ist an einen kalten, öden und weit entfernten Ort gegangen - ins Land der Leere und des Vergessens.

Die Frau, die meine Seele geliebt hat, wird Leben genannt. Sie ist wunderschön und zieht alle Herzen an sich. Sie nimmt unser Leben als Pfand und stillt unsere Sehnsucht mit Versprechungen.

Das Leben ist eine Frau, die in den Tränen ihrer Liebhaber badet und sich mit dem Blut ihrer Opfer salbt. Ihre Kleider sind weiße Tage, mit der Dunkelheit der Nacht besetzt. Sie nimmt das menschliche Herz zum Liebhaber, verweigert sich ihm jedoch bei der Hochzeit.

Das Leben ist eine Zauberin, die uns mit ihrer Schönheit verführt - Doch wer ihre Tücken kennt, Wird ihrer Verführung entgehen.


Khalil Gibran

Von der Liebe


Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr,
sind ihre Wege auch schwer und steil.

Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin,
auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.

Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie,
auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettern kann wie der Nordwind den Garten verwüstet.

Denn so, wie die Liebe dich krönt, kreuzigt sie dich.

So wie sie dich wachsen lässt, beschneidet sie dich.

So wie sie emporsteigt zu deinen Höhen und die zartesten Zweige liebkost,
die in der Sonne zittern,
steigt sie hinab zu deinen Wurzeln und erschüttert sie in Ihrer Erdgebundenheit

Wie Korngarben sammelt sie dich um sich.
Sie drischt dich, um dich nackt zu machen.

Sie siebt dich,
um dich von deiner Spreu zu befreien.

Sie mahlt dich,
bis du weiß bist. Sie knetet dich, bis du geschmeidig bist;

Und dann weiht sie dich ihrem heiligem Feuer,
damit du heiliges Brot wirst für Gottes heiliges Mahl.

All dies wird die Liebe mit dir machen,
damit du die Geheimnisse deines Herzens kennenlernst und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen des Lebens wirst.

Aber wenn du in deiner Angst, nur die Ruhe und die Lust der Liebe suchst,
dann ist es besser für dich, deine Nacktheit zu bedecken und vom Dreschboden der Liebe zu gehen.

In der Welt ohne Jahreszeiten, wo du lachen wirst,
aber nicht dein ganzes Lachen,
und weinen, aber nicht all deine Tränen.

Liebe gibt nichts als sich selbst und nimmt nichts als von sich selbst.

Liebe besitzt nicht, noch läßt sie sich besitzen;

Denn die Liebe genügt der Liebe.

Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken,
denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält, lenkt deinen Lauf.

Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen.

Aber wenn du liebst und Wünsche haben mußt, sollst du dir dies wünschen:
Zu schmelzen und wie ein plätschernder Bach zu sein, der seine Melodie der Nacht singt.

Den Schmerz allzu vieler Zärtlichkeit zu kennen.
Vom eigenen Verstehen der Liebe verwundet zu sein;
Und willig und freudig zu bluten.

Bei der Morgenröte mit beflügeltem Herzen zu erwachen
und für einen weiteren Tag des Liebens dankzusagen;

Zur Mittagszeit zu ruhen
und über die Verzückung der Liebe nachzusinnen;

Am Abend mit Dankbarkeit heimzukehren;
Und dann einzuschlafen mit einem Gebet für den Geliebten im Herzen und einem Lächeln auf den Lippen.

Khalil Gibran

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